Auf den Spuren vom Ötzi – Wandern auf das Taschenjöchl im Schnalstal

Gemütlich fahren wir die langgezogene Bergstraße hoch ins Schnalstal, vorbei an grünen Bergwiesen, sonnengegerbten Holzhäusern und steilen Bergflanken. Wie sich doch das Landschaftsbild so schnell ändern kann! Waren wir noch wenige Minuten vorher in dem breiten Tal des Vinschgaus zwischen Schlanders und Naturns in einer komplett anderen Welt. Große Apfelplantagen, Weinbau und zahlreiche Burgen prägen dort die mediterran wirkende Gegend, in der es gerade jetzt in der Urlaubshochsaison im August recht quirlig zugeht.

Hier im Schnalstal ist es deutlich alpiner. Die Eisriesen der Ötztaler Alpen und die Texelgruppe begrenzen das 20 km lange Tal, das auch Einstiege in den bekannten Meraner Höhenweg bietet. Bloggerkollegin Andrea von Anwolf – Unterwegs auch mit Hund hat diese mehrtägige Hüttenwanderung vor einiger Zeit gemacht und gerade das Pfossental mit dem Eishof und der Stettiner Hütte hätte mich als Tagestour auch sehr interessiert. Da ich mich aber bis zur Abzweigung in Karthaus nicht entscheiden kann, bleiben wir auf der Hauptstraße und landen in dem klitzekleinen Ort mit dem in unseren Ohren ungewöhnlichem Namen „Unsere Frau in Schnals“ direkt in einer Straßensperre.

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Der Grund ist glücklicherweise kein Unfall, Bergsturz oder sonst was Dramatisches. Nein, heute ist Maria Himmelfahrt, in Südtirol ein wichtiger Feiertag. Zu der bekannten Wallfahrtskirche im Schnalstal wird daher eine Prozession mit riesigen Kreuzen und Fahnen veranstaltet. Während wir warten, wächst die Blechlawine hinter uns beachtlich. Oh je, hoffentlich wird es nicht so voll auf unserer Wanderung hinauf zum Taschenjöchl. Die meisten Touristen haben aber, wie wir auf der Weiterfahrt bemerken, den Vernagtstausee als Ziel oder fahren mit der Gletscherbahn zum Hochjochferner.

Kurzras im Schnalstal
Kurzras im hinteren Schnalstal

Nicht weit entfernt von Kurzras, dem letzten Ort im Schnalstal, suchen wir eine Parkmöglichkeit für unser Auto und findens sie in der Nähe des Wieshofs. Dort treffen wir zumindest am heutigen Tag das einzige Mal auf freilaufende Kühe, die uns und dem Hund aber lediglich einen müden Blick zuwerfen. Locker ansteigend geht es nun durch lichten Zirben- und Lärchenwald. Der Duft der würzigen Nadeln vermischt sich mit dem des frischgemähten Grases der umliegenden Bergwiesen.

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Der Weg Nummer 4, den wir gewählt haben, gehört zu einer ganzen Reihe an archäologischen Wanderwegen, die durch das Schnalstal führen und auf kleine und große steinzeitliche Funde hinweisen. Die Sensation war natürlich 1991 die Entdeckung der bekanntesten Mumie der Welt: am Tisenjoch zwischen Finailspitze und Similaun fand ein deutsches Ehepaar zufällig den Ötzi. Was folgte waren Streitereien zwischen Österreich und Italien um den Fundort und um einen angemessenen Finderlohn sowie natürlich eine touristische Vermarktung des Mannes aus dem Eis. Der wiederum befindet sich heute im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen und ist bestens erforscht, so gut wie kein anderer Mensch wahrscheinlich. Darmparasiten, Zeckenbisse und eine Laktoseintoleranz sind nur ein paar der vielen Erkenntnisse, die man herausgefunden hat. Noch mehr kann man auf der Seite des Museums erfahren, dessen Besuchs ich bei einem Aufenthalt in Bozen nur empfehlen kann (am besten bei gutem Wetter, sonst ist es oft sehr voll!).

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Im Lagauntal, das wir nun erreichen, sind zwar wesentlich weniger spektakuläre Hinweise auf steinzeitliche Besucher entdeckt worden. Dafür ist dieses stille, völlig unverbaute Hochtal ein Ort, an dem man einfach nur bleiben will. Bleiben, sitzen und gucken. Auch Panda, der Hund, fühlt sich am Wasser sichtlich wohl und beim Blick auf die steilen Serpentinen hoch zum Taschenjöchl kommt mir ganz kurz der Gedanke, die Pause hier am Bergbach doch ein wenig auszuweiten. Und dann einfach nur den relativ ebenen, direkten Weg zur Berglalm weiterlaufen. Aber der innere Schweinehund ist schließlich dazu da, bekämpft zu werden und so ächze ich die verbleibenden 600 Höhenmeter auf dem teils steilen, aber unschwierigem Pfad hoch.

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Hund und Mann sind schon längst auf dem kleinen namenlosen Gipfel, während ich noch nicht mal das Joch erreicht habe. Was natürlich – wie immer – einzig und alleine an meinen Fotopausen liegt ,) . Immerhin entdecke ich auf diese Weise sehr frisch wirkende Steinbockhinterlassenschaften. Zu Gesicht bekomme ich leider keins der Tiere. Dafür aber einen tollen Blick auf die Weißkugel und andere 3000er. Und auch der Vernagtstausee tief unten im Schnalstal fasziniert mit seiner blau-türkisen Farbe.

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Hier am Taschenjöchl (zum Teil heißt es auch Taschljöchl) befinden sich die Überreste der Heilbronner Hütte. 1919 von Italien enteignet, 1932 dann einem Brand zum Opfer gefallen, wurde sie an dieser Stelle nicht mehr wieder aufgebaut. Einerseits schade, weil das hier wirklich ein wunderschöner Hüttenstandort wäre. Andererseits auch ein Glück. Teilen wir doch diesen tollen Ausblick nur mit zwei anderen Wanderern, die den wesentlich längeren Aufstieg über einen uralten Saumpfad durch das Schlandrauntal gewählt haben. Die Neue Heilbronner Hütte steht übrigens im österreichischen Verwall und war auch schon mal ein tolles Etappenziel für mich.

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Schutzhütte am Taschenjöchl
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Verfallene Heilbronner Hütte

Um den kleinen Gipfel herum fast parallel zum Aufstieg geht es nun weiter Richtung Berglalm. Immer näher kommt der Vernagt-Stausee, der in den 50er Jahren angelegt wurde. Acht Höfe und eine Kirche mussten ihm weichen. Der Kirchturm ragt bei niedrigem Wasserstand manchmal aus dem See heraus, von den Höfen ist nichts mehr zu sehen. Alte, teilweise unter Denkmalschutz stehende Bauernhäuser gibt es im Schnalstal aber noch einige. Die jahrhundertalte Bergbauernkultur ist hier immer noch präsent und prägt mit seinen manchmal wie Museen wirkenden Höfen den abgelegenen Landstrich. Nicht nur für den Ötzi ist das Vinschgauer Seitental bekannt, sondern auch für die Tranzhumanz. So wird einer der ältesten und bedeutensten Schafübertriebe in den Alpen genannt. Mehrere Tausend Schafe ziehen oft noch durch tiefen Schnee jeden Juni vom italienischen Südtirol ins österreichische Ötztal. Ein Brauch, der von der UNESCO sogar schon zum immateriellen Kulturerbe ausgezeichnet wurde. Einen beeindruckenden Bericht darüber gibt es bei KulturNatur zu lesen.

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Schafe sehen wir heute keine. Nur ein paar Pferde stehen mitten auf dem Pfad, der sich nun ein wenig rechterhand zur Alm windet. Es ist schon spät am Nachmittag, aber immer ist noch herrscht reger Betrieb auf der Berglalm. Im Gegensatz zu unserer Wanderung übers Taschenjöchl, auf der wir kaum Menschen begegnet sind, ist die Alm gleich durch mehrere einfache Wege erreichbar und daher ein beliebtes Ausflugsziel, das auch im Winter bewirtschaftet wird.

Wir erwischen gerade noch den letzten Öffnungstag, denn im Moment (August 2017) wird hier kräftig umgebaut. Bald wird dieses Fleckchen mit dem kleinen See aber sicherlich wieder ein idyllischer Ort inmitten der Schnalstaler Bergwelt sein. Nach einer leckeren Brotzeit mit Vinschger Käse geht es nun langsam wieder Richtung Kurzras. Unterhalb des Gerstgraserbergs laufen wir gemütlich durch den märchenhaften Wald und treffen wieder auf den Bach im Lagauntal. Dort wo ich am Vormittag am liebsten sitzen geblieben wäre, es aber glücklicherweise nicht gemacht habe. Zu schön war die Aussicht am Taschenjöchl!

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Informationen zur Wanderung:

  • Reine Gehzeit: ca 4,5 Stunden
  • Höhenmeter im Aufstieg: 855 hm
  • Weglänge: 12,5 km
  • Wegstrecke: Kurzras – Wieshof – Weg Nr. 4 – Taschenjöchl (2765m) – Weg Nr. 5 – Berglalm – Weg Nr. 14 – Weg Nr. 4 (alternativ über Weg 5 zurück ins Tal)
  • mittelschwierige Wanderung (im Wald einfach) ohne Kletterstellen
  • Anreise mit dem Auto ins über Meran oder den Reschenpass nach Naturns ins Schnalstal. Von Naturns fährt auch die Buslinie 261 nach Kurzras.
  • Infos für Hundehalter: Wasser gibt´s im Lagauntal und im Wald, nicht aber beim Auf- und Abstieg zum Joch. Freilaufenden Kühen sind wir nur zu Beginn am Wieshof begegnet. Aufgrund des Glockengeläutes in der Nähe muss dies aber nicht immer so sein.

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Respect all life.

 

 

 

 

 

 

 

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6 Gedanken zu „Auf den Spuren vom Ötzi – Wandern auf das Taschenjöchl im Schnalstal

  1. Ach, herrliche Gegend! Und diese Hochtäler sind wirklich wunderschön. Wir haben uns auf unserer Tour am Meraner Höhenweg einmal verlaufen, sind immer weiter dem Flusslauf ins Tal gefolgt. Als wir feststellten, dass wir falsch sind, haben wir erst mal eine Pause gemacht und uns so gefreut über diesen Umweg …. Vielen Dank für den schönen Bericht und die tollen Bilder (und für’s verlinken 😊)! Liebe Grüße von Andrea

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Andrea!

      Manchmal ist Verlaufen wirklich nicht schlecht, zumindest wenn man nicht unter Zeitdruck ist.
      Solche Hochtäler mit kleinen Bächen sind wirklich mit das Schönste in den Bergen!
      Vielen Dank Dir und liebe Grüße
      Carolin

      Gefällt 1 Person

  2. Die Wanderung klingt richtig toll, die muss ich mir direkt für nächsten Sommer merken, auch wenn der Weg von Meran bis ins Schnalstal immer ziemlich nervig zu machen ist, aber deine Bilder sehen so toll aus, dass es glaube ich die Anfahrt wert ist 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank Dir! Ja, die Wanderung war eigentlich die schönste in der Woche im Vinschgau, wobei die Anfahrt von Schlanders ebenfalls etwas lang war. Aber um Meran herum hast Du ja auch wahnsinnig viel Auswahl für tolle Toren!
      Viele Grüße nach Südtirol!
      Carolin

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  3. Wieder ein sehr schöner und informativer Beitrag, liebe Carolin. Ich habe meinen inneren Schweinehund beim Lesen auch gespürt. LoL! Die Kamera ist in den Bergen immer meine Ausrede für die ein oder andere Verschnaufpause. Und die lohnen sich, wie man bei deinen tollen Fotos sehen kann.

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag,
    Silvana

    Gefällt 2 Personen

    1. Vielen Dank, Silvana!
      Ja, der innere Schweinehund, der wurde letzten Sommer bei mir auch noch von mangelnder Fitness genährt. Das muss dieses Jahr definitiv anders werden, die vielen Pausen fürs Fotografieren nimmt mir nämlich keiner mehr ab 😉!
      Liebe Grüße
      Carolin

      Gefällt 1 Person

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