Nebel über Linderhof – Wolkenwanderung zur Brunnenkopfhütte

Brunnenkopfhütte in den Ammergauer Alpen

Die Wanderung von Pürschlingshaus zur Brunnenkopfhütte und hinunter zum Schloss Linderhof sollte eigentlich der Höhepunkt in meinem sowieso schon ereignisreichen Aufenthalt in Oberammergau, zu dem ich von der Zugspitz Region eingeladen worden bin, werden. Quasi die Königsetappe, im wahrsten Sinne des Wortes, war am letzten Tag geplant.

Denn nicht nur ich war hier unterwegs, die Ammergauer Alpen erfreuten sich auch großer Beliebtheit bei den bayrischen Königen. Allen voran der Märchenkönig Ludwig II. ist hier immer noch allgegenwärtig. Menschenscheu wie er war, liebte er die abgeschiedene Bergwelt und hielt sich häufig hier auf. Und tatsächlich, wer Bergeinsamkeit sucht, findet sie in dieser Gegend. Zumindest heute bei dem durchwachsenen Wetter. Großartige Bergpanoramen, wie es sie eigentlich hier gäbe, kann ich darum leider nicht zeigen.

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Startpunkt der Wanderung ist die Bergstation am Kolbensattel.

Ursprünglich wollte ich die Tour von Unterammergau aus starten. Nicht nur weil zu diesem Zeitpunkt der Wanderweg durch die Schleifmühlklamm wegen Reparaturmaßnahmen noch gesperrt war; auch das unsichere Wetter hielt mich ab, den längeren Weg über die Fahrstraße hochzulaufen. Stattdessen lasse ich mich nun ganz bequem mit dem Sessellift zum Kolbensattel befördern und spare mir so einige Höhenmeter. Während es ansonsten in den Ammergauer Alpen eher ruhig und beschaulich zugeht, findet man hier an der Bergstation das volle Programm: Hochseilgarten, Sommerrodelbahn, sogar einen Bikepark gibt es.

Die wenigen Wanderer, die heute jedoch hier sind, zieht es überwiegend zum Kofel, den Hausberg Oberammergaus. Ich laufe in die andere Richtung. Die einzigen, die ich auf dem Waldweg treffe, sind eine Familie sowie ein kleiner Alpensalamander.

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Der Weg führt mich in einer sehr angenehm zu laufenden Steigung langsam Richtung der ersten Hütte, dem Pürschlingshaus. Kurz davor treffe ich auf die Fahrstraße. Jetzt wird es doch steiler und ich bin froh, dass ich darauf verzichtet habe, die Straße vom Tal hochzulaufen.

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Panorama am Pürschling
Ein bisschen kann man noch erahnen, welche Aussicht man hier am Pürschling hätte.
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Ohne Worte

Genau genommen heißt die Hütte August-Schuster-Haus auf dem Pürschling und liegt  1564m hoch. König Maximilian II., der Vater vom Ludwig, ließ sie bauen, um seiner Jagdleidenschaft nachzugehen. Für einige Wanderungen, insbesondere den Sonnenberggrad zum Kofel oder auch in die andere Richtung den Gradweg zur Brunnenkopfhütte, ist das Haus Ausgangspunkt. Es gilt übrigens als erste Jugendherberge Bayerns.

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Ich wähle aber den etwas einfacher zu laufenden Pfad unterhalb des Teufelstätt- und Hennenkopfes und befinde mich somit auf dem Maximiliansweg, einem Fernwanderweg von Lindau nach Berchtesgaden, der meist streckengleich mit einer Variante des E4 verläuft.

Ca zwei Stunden bin ich auf diesem Abschnitt unterwegs – und treffe ganze zwei einsame Wanderer. Die verfallen, als sie mich entdecken, in wahre Begeisterungsstürme und rufen von weitem: „Ein Mensch, hier gibt es tatsächlich Menschen! Ist es noch weit bis zur Hütte?“ Selten löst mein Anblick soviel Euphorie aus, beschwingt laufe ich also weiter immer knapp oberhalb der Baumgrenze. Hin und wieder erhasche ich einen Blick ins Graswangtal, die Berge werden leider mehr und mehr von Wolken eingehüllt. Schade, eine umwerfende Aussicht hätte man hier bei schönem Wetter.

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graswangtal

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So gilt es dann, sein Augenmerk eher den kleinen Dingen am Wegesrand zu widmen. Schönen Blumen z.B. oder den Schmetterlingen, die trotz der fehlenden Sonne hier umherfliegen. Oder etwas größeren Tieren. Gemsen gibt es nämlich zuhauf. Kein Wunder, dass König Max II. und sein Sohn oft zum Jagen in diese Gegend kamen. Wobei der Ludwig gar kein großer Jagdfreund war, was ihn mir gleich viel symphatischer macht.

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Die meisten Gemsen huschen schnell hinter Felsblöcke, wenn sie mich erblicken. An einer Stelle kann ich aber ein Rudel länger beobachten. Merkwürdig, hüpfen zwischen den Gemsen Murmeltiere auf und ab? Oder sind das größere Vögel? Erst im zweiten Moment, nach einer kleinen Schrecksekunde, sehe ich es: gar nicht so kleine, braune Felsbrocken rollen den Hang hinunter. Schlagen auf und zerbröseln in mehrere Teile, immer noch groß genug, dass ich keine Bekanntschaft mit ihnen machen sollte.

Steinschlag, genau über mir!

Ich springe schnell hinter die einzige Latschenkiefer in meiner Nähe. Kurz vor mir rollen die Steine den Berg runter. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet, bloß weg hier! Sicherlich war der Steinschlag von den Gemsen ausgelöst worden. Oder kommt noch mehr herunter? Meine Laune ist im Keller. Doofe Berge, nie wieder gehe ich wandern! Durch die immer zäher werdende Nebelsuppe laufe ich nun recht schnell Richtung Brunnenkopfhütte, immer mit einem Ohr zu den Felswänden und der Angst vor dem Geräusch fallender Steine.

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Leider nicht so gut zu erkennen, die Gemsen.

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Als ich in den Wald einbiege, verflüchtigen sich aber meine Gedanken an womögliche Bergstürze und Murenabgänge. Steinschlag, eine nicht zu unterschätzende Gefahr in den Bergen, gerade in Zeiten des Auftauen von Permafrost und den vielen Unwettern. Aber immer noch wesentlich weniger riskant als der Aufenthalt im Straßenverkehr!

Also, die Laune steigt wieder! Insbesondere als ich etwas entfernt Stimmengewirr höre. Das muss die Hütte sein! Der Weg verläuft aber nun in eine andere Richtung, verliert merklich an Höhe. Mmh, habe ich da einen Wegweiser übersehen? Lieber nochmal ein Stück zurücksteigen bis zur Stelle, an der ich mir etwas unsicher war. Die Trampelpfade dort verlaufen aber im Nichts. Also muß doch der Weg, der nach unten führt, der Richtige sein!? Hoffentlich verpasse ich die Brunnenkopfhütte nicht und gelange direkt zum Linderhof. Aber schon bald treffe ich auf den breiten Wanderweg, der vom Schloss zur Hütte führt. Es ist der ehemalige Reitweg des Königs, den er damals mitsamt Kutsche und Pferden hochritt. Nun treffe ich hier stattdessen eine ganze Anzahl von Mountainbikern und erstaunlich vielen Familien.

Nach ein paar wenigen Minuten ist die Hütte schon zu sehen. Noch ist es trocken und einige Kinder spielen auf dem kleinen Spielplatz. Familien scheinen sich wirklich wohl hier zu fühlen und trotz meines relativ kurzen Aufenthaltes hier oben, fühle ich eine  positive, freundliche Atmosphäre. Die Hütte wird sehr familär und liebevoll geführt. Das merkt man auch der Internetseite der Brunnenkopfhütte an. Wenn Ihr mit Kindern unterwegs seid, könnt Ihr Euch dort einen Fragebogen herunterladen. Die Antworten finden sich auf den auf den Schildern, die auf dem Weg von Linderhof hier hoch angebracht wurden. Das Hüttenmaskottchen Maxl, eine Gams, die sich oft in der Nähe der Hütte aufhält, erzählt dort einiges Wissenswerte über den Bergwald, König Ludwig und die Hütte.

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Brunnenkopfhütte in den Ammergauer Alpen

Den Maxl sehe ich heute nicht. Wie auch, die Sicht ist leider auf wenige Meter begrenzt. Kein Aufstieg zum Brunnenkopf, der von hier in 20 Minuten zur erreichen wäre und kein fantastischer Ausblick auf die umliegenden Bergketten. Wenn Ihr wissen wollt, wie es hier bei schönem Wetter aussieht, dann guckt doch mal beim Luftschubser nach. Der hatte nämlich mehr Glück und eine 3-Gipfel-Wanderung mit interessanten Begegnungen gemacht 😉 .

Ich suche mir nun ein möglichst windgeschütztes Plätzchen auf der Terrasse der Brunnenkopfhütte. Fast alle anderen Wanderer haben es sich in der warmen Gaststube gemütlich gemacht. Wenn ich schon auf den Spuren des Königs unterwegs bin, dann aber richtig! Schließlich hatte auch er sein Glück hier oben in der Einsamkeit gefunden und so teile ich mir meinen Platz nur mit zwei Vögeln. Das Brot mit dem in Ettal hergestellten Käse ist sehr lecker. Geheimtipp auf der Speisekarte soll aber der Kaiserschmarrn sein.

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Langsam sollte ich nun den Abstieg antreten, der letzte Bus nach Oberammergau will noch erreicht werden. Und Schloss Linderhof möchte ich mir ja auch noch ansehen. Statt des Pfades, der ins Graswangtal führt, wähle ich den breiten Weg. So richtig spektakulär ist der nicht. Aber der Wald im Nebel ist trotzdem schön.

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In etwas mehr als einer Stunde komme ich an den Parkplätzen des Schlosses an. Ein kleiner Zivilisationsschock erwartet mich hier. Der volle Parkplatz und die vielen Reisebusse lassen mich ahnen, dass es hier etwas weniger einsam ist als ein paar Meter weiter im Wald auf meiner Wanderung. Was soll ich sagen? Wahnsinn, wie viele Menschen aus allen möglichen Ländern der Erde heute hier sind. Trotz des Regens, der jetzt einsetzt. Zum Glück ist der Park weitläufig, aber die Schlangen vor dem Schloss sind schon beachtlich. Darum schaffe ich es zeitlich nicht mehr, mich ebenfalls dort anzustellen. Nicht schlimm. Viel interessanter finde ich es nämlich, die Menschen verschiedenster Nationalitäten und Religionen zu beobachten. Alle machen nämlich das Gleiche und nehmen ein Selfie von sich und dem Schloss auf.

Die Fotos, die ich im Park gemacht habe, zeige ich hier übrigens nicht. Wegen des Regens sind es eh nicht viele geworden. Aber ich finde die Regelungen, die die Besitzer des Schlosses gemacht haben, etwas – naja, sagen wir mal – merkwürdig. Auch für Außenaufnahmen, die nicht nur fürs private Fotoalbum bestimmt sind, braucht man eine teilweise kostenpflichtige Genehmigung. Die habe ich zwar erhalten (sogar kostenlos), müsste aber jedes Foto, das ich veröffentliche, der Verwaltung zuschicken zusammen mit dem Recht, dass sie es für ihre Veröffentlichungen nutzen dürften.

Danke noch mal an die Zugspitz Region, die mich zu dieser Reise eingeladen hat.

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Nach Steinschlag zu guter Letzt noch Baumfall

Wandern in den Ammergauer Alpen in Bayern

 

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3 Gedanken zu „Nebel über Linderhof – Wolkenwanderung zur Brunnenkopfhütte

  1. Hey,
    toller Bericht und wieder wundervolle Bilder. Da hast du ja nochmal richtig Schwein gehabt mit dem Steinschlag. Hatte da auch mal einähnliches Erlebnis, selbst der Bergführer damals hatte nicht damit gerechnet. Manchmal braucht mann eben nur mal Glück

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    1. Hallo Oli!
      Danke Dir! Naja, die Fotos hätten bei etwas mehr Fernsicht besser sein können. Aber am Wetter kann man nun mal nichts ändern.
      Ich bin ja oft in den Dolomiten, dort rechne ich ständig mit Steinschlag bei dem brüchigen Fels und den hohen Wänden. Aber in Oberammergau hatte ich gar nicht damit gerechnet. War ganz schön erschrocken.
      Liebe Grüße
      Carolin

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  2. Hi Carolin,
    Brunnenkopfhäuser, da werden mir Kindheitstage wieder vor Augen geführt. Das erste Mal dort oben war ich vielleicht 6 Jahre. Hatte einen Walkjanker an. Den mochte ich nie: Steif und kratzig war der. Kennt den noch jemand aus seinen Kindheitstagen?

    Wenn Du wissen willst, wie Deine Tour – zumindest ein Teil davon – im Winter aussehen kann, dann schau mal bei mir vorbei: https://luftschubser.de/teufelstaettkopf-ammergebirge-puerschlinghaus/
    Das war eine tolle Schneeschuhtour und der Hüttenhund wurde gar nicht müde, unsere Schneebälle aus der Luft zu fischen.

    LG vom Luftschubser

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