Unterwegs mit Kaspar Hauser -Deprivation bei Hunden

Wie wichtig es für Welpen in ihren ersten Lebenswochen ist, möglichst vieles auf positive Weise kennenzulernen, ist mittlerweile hinreichend bekannt. Nicht nur die unterschiedlichsten Artgenossen gibt es zu entdecken, sondern auch große, kleine, junge, alte, laute, leise, schnelle, langsame, mutige und ängstliche Menschen. Der junge Hund muss sich an den Straßenverkehr, neue Geräusche, Gerüche, verschiedene Untergründe und an die seltsamsten Gegenstände gewöhnen, um in einer nicht gerade reizarmen Welt stressfrei leben zu können.

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Passiert diese (wohlgemerkt) langsame Gewöhnung an Neues nicht, können Hunde ein Deprivationssyndrom entwickeln.

Depri – was? Fast jeder kennt Kaspar Hauser, die Figur aus Filmen und der Literatur. Ein Findelkind, das im 19. Jahrhundert verwahrlost und kaum sprechend in Nürnberg gefunden wurde. Ob seine Geschichte, dass er in einem dunklem Keller aufwuchs, stimmt, wird heute zwar angezweifelt. Trotzdem ist das Kaspar-Hauser-Syndrom immer noch ein Begriff für Menschen, die aufgrund von Vernachlässigung seelische und körperliche Verhaltensauffälligkeiten aufweisen. Durch vollständigen Reizentzug entwickeln sich u.a. Depressionen, extreme Ängste, Apathie oder starke Reizbarkeit.

Beim Hund ist das nicht viel anders. Ein Mangel an Umwelt- und sozialen Reizen setzt seine Fähigkeit, sich mit seiner Umwelt auseinandersetzen zu können, stark herab. Fremde Eindrücke überfordern solche Hunde. Sie lösen großen Stress aus, den der Hund oft durch negative Verhaltensweise auszugleichen versucht.

Ursachen:

Der Hund ist in einem Zwinger oder Stall aufgewachsen, kam dort selten heraus und/oder hatte kaum soziale Kontakte.

Sogenannte Kofferraumwelpen, die auf Flohmärkten angeboten werden. Leider gibt es ja sogar Zoohandlungen, die Welpen von Hundevermehrern verkaufen.

Laborhunde oder solche, die lange in Quarantäne leben mussten.

Straßenhunde, die negative Erfahrungen mit Menschen gemacht haben.

Tierschutzhunde aus dem Ausland, die ganz andere Lebensbedingungen kennengelernt haben als  in ihrem neuen Land vorliegen.

Aber auch der vermeintlich idyllisch aufgewachsene Bauernhofwelpe kann depriviert sein, weil er nichts anderes als das Landleben kennengelernt hat.

Und immer noch gibt es (zum Glück wenige) Hundehalter, die eine isolierte Haltung rechtfertigen, um die Arbeitsleistung ihrer Tiere scheinbar zu steigern.

Symptome und Folgen:

Die Symptome, die ein deprivierter Hund aufweist, können vielfältig sein, da es unterschiedliche Härtegrade der Deprivation gibt. Wie sich manches äußert, hängt auch mit dem Naturell des Hundes zusammen.

Viele Hunde entwickeln große Ängste, sind sehr stressanfällig.

Manche sind hyperaktiv, unruhig und fahren schnell hoch; andere dagegen sind in sich gekehrt, wirken nahezu depressiv.

Das Sozialverhalten kann gestört sein.

Diese Hunde können sich nur schwer konzentrieren, sind schnell abgelenkt.

Besonders in fremder Umgebung fällt es ihnen schwer, zu entspannen.

Sie mögen es teilweise gar nicht, eingeschränkt zu werden aufgrund mangelnder Frustrationstoleranz. Durch den hohen Erregungslevel neigen sie zu Aggressivitäten, Übersprungshandlungen oder Stereotypien (z.B. Schwanzjagen, Wundlecken, Kauen an den Pfoten, Dauerbellen).

Viele dieser Hunde sind empfindlich in ihrer Gesundheit, was sich oft in einem nervösen Magen, Durchfällen oder Allergien zeigt. Wiederkehrende Probleme mit der Stubenreinheit sind möglich.

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Als wir Panda zu uns holten, kannten wir die ganzen Ausmaße dieses Syndroms nicht. Natürlich war uns bewusst, dass ein Hund aus Spanien mit unbekannter Vergangenheit sich nicht mal eben so leicht eingewöhnen lässt. Erst nach und nach wurde klar, warum sich dieser Hund oft so ganz anders benahm, als man es sich eigentlich wünschte. Das Wissen darüber, was es für einen Hund heißt, depriviert aufgewachsen zu sein, hat enorm geholfen, mehr Verständnis für ihn zu haben und eine bessere Bindung aufzubauen.

Oft wünsche ich mir, mal zu erfahren, was er als Welpe erlebt hat. Wir haben Glück, dass er zumindest nicht schlecht von Menschen behandelt wurde. Ihnen gegenüber ist er nämlich alles andere als unsicher oder reserviert. Im Gegenteil, selbst von Fremden würde er sich am liebsten durchknuddeln lassen.  Auch andere Hunde mag er, auch wenn er das angeleint leider nicht immer zeigen kann…

Wir glauben, dass er vor seinen Tierheimaufenthalten, in denen er außer anderen Hunden nicht viele Umweltreize erlebt hat, bei einem Schäfer gelebt hat. Wahrscheinlich in einer sehr ländlich geprägten Gegend, Straßenverkehr hat er zumindest nicht kennengelernt.

Vieles ist bei Panda natürlich auch rassebedingt. Hütehunde, die keine Impulskontrolle als Junghund gelernt haben, sind auf Bewegungsreize fixiert. Nicht untypisch für sie ist auch die geringe Frustrationstoleranz, wenn man im Welpenalter nicht dagegen wirkt. Außerdem ist er vom Typ her temperamentvoll und hibbelig, und wäre dies vielleicht auch bei perfekter Sozialisation.

Auch wenn er glücklicherweise keine hochgradigen Deprivationsschäden hat, und wir anders als bei ganz schweren Fällen ohne Medikamente auskommen, zeigt er in einigen Bereichen deutliche Symptome seiner Defizite in der Gehirnstruktur und kann mit einer zu hohen Anzahl von Umweltreizen nicht umgehen.

Anders als am Anfang, als ich mir nicht vorstellen konnte, dass auch nur irgendwas mal besser werden könnte, sind wir jetzt durch viel Ruhe und Geduld schon sehr weit gekommen.

Er ist draußen deutlich ansprechbarer geworden. Man kann Fehlverhalten schneller unterbinden. Der Stresslevel ist gesunken. In den ersten Monaten hatte er in fremder Umgebung sofort Durchfall. Nach Spaziergängen lief er erstmal vollkommen unruhig durch das Haus, schrubbte sich an den Wänden, als ob er irgendwas loswerden wollte. Knabberte lange an seinen Pfoten. Je länger die Spaziergänge waren, um so schlimmer reagierte er. Das alles kommt jetzt kaum noch vor.

Wichtig bei diesen Hunden ist, dass sie positive Lernerfahrungen machen können. Diese Erkrankung ist zwar meist nicht vollständig heilbar. Durch gezieltes Training und aufgebaute Alternativhandlungen haben die Hunde ein größeres Repertoire, auf das sie zurückgreifen können, wenn sie etwas ängstigt und Deprivationsschäden können so kompensiert werden.

Ich kann hier natürlich keinen Trainingsplan vorstellen. Dazu ist dieses Problem zu vielschichtig. Der erste Gang mit einem solchen Hund sollte zu einer Hundeschule gehen! Und zwar zu einer kompetenten, die die Problematik erkennt  Leider habe ich auch Trainer kennengelernt, die mehr Symptome statt Ursachen behandeln wollten, was komplett in die Hose gegangen ist. Natürlich ist es schwierig zu unterscheiden, macht der Hund das jetzt, weil er gerade pubertiert und Grenzen austestet oder aber weil er keinen anderen Ausweg aus dieser für ihn überfordernden Situation weiss. Den Einsatz von Sprühflaschen, Gießkannen und Trainingsdisks halte ich mittlerweile für mehr als schädlich.

Erst seitdem ich viel mehr Ruhe in die Erziehung gebracht habe, mehr auf Stressanzeichen achtete und den Hund nicht mit Reizen überflutet habe, hat sich unsere Bindung verbessert, was wiederum dem Hund mehr Vertrauen und Halt gibt, Neues zu entdecken.

Gerade bei solchen Hunden kann man nichts erzwingen. Solche Weisheiten wie „jetzt zeig mal, wer der Chef ist“, „immer konsequent sein, jeder Befehl muss durchgesetzt werden “ usw. sind hier eher kontraproduktiv. Mittlerweile weiss ich meist, was ich in welchen Situationen  von Panda verlangen kann. Aber anfangs habe  ich nicht bedacht, dass er manchmal einfach zu gestresst ist, als auf ein einfaches „Sitz“ zu hören.

Wichtig ist auch, sich selber nicht unter Druck zu setzen. Oh, was habe ich ein schlechtes Gewissen gehabt, weil ich mit Panda in keinen der Beschäftigungskurse kam, weil er sich wegen der anderen Hunde und Menschen auf dem Hundeplatz nicht konzentrieren konnte. Aus Frust, weil er nicht zu den anderen Hunden kam, neigte er außerdem zu Übersprungshandlungen. Anfangs biss er nur in die Leine, später schnappte er auch mal nach meinem im Weg stehenden Bein. Ständig bekam ich zu hören, er müsse dringend anspruchvollste Beschäfigung haben. Da das nicht in der Gruppe klappte, habe ich mir alleine einiges ausgedacht. Zu Hause und im Garten klappte das auch gut, nur unterwegs nicht.

Mittlerweile ist mir vollkommen egal, wenn eine Hundetrainerin mir erzählt, am besten macht der Hund montags Dummytraining, am Dienstag ist Agility angesagt, mittwochs ist die Treibballgruppe dran usw. Bei Panda ist weniger mehr. Das Erkunden neuer Gegenden, das Aushalten von irgendwelchen Reizen ist erstmal genug Anspruch an seinen Kopf. Klar will auch er zwischendurch beschäftigt und bespaßt werden. Aber dann klappt das Tricksen halt erstmal nur im Haus. Sachen oder Personen suchen wird `ne Zeit lang nur im Garten gemacht.

Und siehe da: vieles funktioniert jetzt auch unterwegs. Man kann, je nach Tagesform, Panda von Reizen, mit denen er eigentlich nicht umgehen kann, auch schon mal mit einem seiner Tricks ablenken. Wir können auf ruhigeren Plätzen mantrailen. Und wenn nicht kurz vorher zu viele Autos an ihm vorbeigefahren sind, sucht er auch woanders den Dummy.

Er wird wahrscheinlich nie ein Hund sein, mit dem man entspannt durch eine volle Fußgängerzone spazieren kann. Aber was soll`s? Ich habe mir keinen Hund angeschafft, um mit ihm shoppen zu gehen.

Natürlich soll man auch diese Hunde nicht in Watte packen, sie bemitleiden. Auch sie müssen vor Herausforderungen gestellt werden. Aber alles in Maßen, mit Zeit und viel Geduld.

Wenn sich jemand noch umfassender informieren möchte, kann ich das Buch „Leben will gelernt sein“ von Birgit Laser empfehlen. Es hat mir unheimlich geholfen, Panda besser zu verstehen.

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10 Gedanken zu „Unterwegs mit Kaspar Hauser -Deprivation bei Hunden

  1. Hallo Carolin, erstmal Kompliment für deinen vielschichtigen tollen Blog. Gefällt mir richtig gut, Du! Aus deinem obigen Beitrag spricht sehr viel Wissen um die Bedürfnisse deines Hundes, der leider das Schicksal vieler Hunde teilt. Schön, dass du dich dem angenommen hast um ihn besser verstehen zu können und den richtigen Weg mit ihm zu gehen. Ich finde nämlich auch (selbst wenn man die beste Hundeschule der Welt aufgetan hat), dass man individuell für SEINEN Hund entscheiden muss, was richtig ist. Viel Erfolg weiterhin mit dem Schnuckel…
    Ganz liebe Grüße
    Danni

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    1. Hallo Danni!
      Vielen, lieben Dank für den Kommentar. Das freut mich wirklich sehr zu hören!
      Das theoretische Wissen in die Praxis umzusetzen ist ja immer so ‚ ne Sache…
      Eigentlich sind wir ja schon weit gekommen, aber im Moment ist manchmal echt der Wurm wieder drin. Liegt vielleicht am Frühling.
      Viele Grüße
      Carolin

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    1. Hallo Silke!
      Schön, dass Du hierher gefunden hast. Schließlich bin ich ja mit dem Blog umgezogen und schreibe auch nicht mehr so viel über Hunde.
      Manchmal ist es ganz gut, eine Ursache und einen Namen für die Probleme, die man so hat, zu wissen. Auch wenn es bei uns ein Mischmasch aus vielem ist, denke ich nicht mehr so wie am Anfang: was ist das nur für ein bekloppter Hund bzw bin ich zu doof, ihn vernünftig zu erziehen?
      Aber wie ich bei Dir gelesen habe, habt ihr ja schon viele Fortschritte gemacht. Viel Erfolg weiterhin und ich hoffe, es geht Lyko wieder besser!
      Viele Grüße!

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  2. Hallo! Danke für den Buchtipp! Panda ist ja ein richtiges Schätzchen. Selbst für uns alltägliche Situationen sind für Hunde mit Deprivationsschäden echte Herausforderungen – manchmal sind die Schritte echt klein. Unser kleiner Tierschutz-Podi ist auch in einer völlig reizarmen Umwelt sozialisiert worden, bei Wind z.B. bekommt er jedes Mal zu viel. Die ersten Monate sind halt überaus wichtig und Hunde, die in reizarmer Umgebung großgeworden sind, erleben alles sehr intensiv und stressig. Auslastung ist da glaub ich gar nicht das Problem… Viele Grüße aus dem Harz!

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    1. Hallo Lisa,
      vielen Dank für Deinen Kommentar!
      Kleine Schritte – das stimmt. Leider verstehen viele Außenstehende nicht, dass das nichts mit mangelnder Erziehung zu tun haben muss (wobei ich dieses Syndrom bei Hunden früher auch nicht kannte).
      Du hast übrigens einen ganz tollen Blog! Wenn es mich doch mal irgendwann in den Harz verschlagen sollte, finde ich dort bestimmt viel Wissenswertes und tolle Wandertipps!
      Viele Grüße vom Niederrhein
      Carolin

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      1. Hallo Carolin,

        vielen herzlichen Dank (der Harz ist viel schöner als sein Ruf;))! Aufgrund der Vielzahl der Tiere, die in reizarmen oder auch in sehr isolierten Umgebungen aufgewachsen sind und etwa durch Tierschutzvereine in die BRD kommen, rückt die Thematik stärker in den Vordergrund. Es ist immer schade zu sehen, dass die Vierbeiner uns Menschen als andere Art seeehr viel besser lesen können als umgekehrt. [Die Menschen sind meist eher das Problem, weniger die Hunde.] Viele verstehen nicht, dass der Hund schlichtweg gestresst oder ängstlich ist. (Viele lachen sogar und sagen „haha, der Hund hat ja Angst“ – was ist daran lustig?;( ). Kommt noch hinzu, dass zahlreiche Rassen wie Podencos z.B. ohnehin sehr sensibel sind. Aber Panda macht ja Fortschritte! Er hat es offensichtlich verdammt gut;). Schöne Grüße an den Niederrhein! Lisa

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