Über den Gottesacker – eine sagenhafte Wanderung

Schon ein paar Jahre her ist diese nicht nur geologisch hochinteressante Tour im Kleinwalsertal. Mit der Minibergsteigerin, die 8 Jahre alt war, wollten wir uns endlich an etwas anspruchsvollere Wanderungen wagen.

Und hier sei gleich noch einmal betont, dass ich an dieser Stelle keine Altersempfehlungen oder allgemeine Einschätzungen des Schwierigkeitsgrades geben kann. Ein Alpinist kann wahrscheinlich über für mich alpine Wege nur lächeln, für andere stellen sie vielleicht eine große Herausforderung dar. Und auch ich selber habe Wanderungen, die damals anstrengend waren, anders in Erinnerung als ich sie heute bei besserer Kondition empfinden würde.

IMG_2266

Nun denn, tatsächlich ist die Gottesackerüberquerung sicherlich kein Spaziergang, und sollte keinenfalls bei schlechter und unsicherer Wetterlage unternommen werden. Die große Anstrengung liegt sicherlich darin, dass man sich auf fast der gesamten Wegeslänge sehr konzentrieren muss. Außerdem gibt es, abgesehen von der Ifenhütte an der Bergstation des Sesselliftes, keine einzige Einkehrmöglichkeit. Dafür wird man aber mit einer einzigartigen Landschaft belohnt. Auf dem ersten Blick karg, fast wähnt man sich auf dem Mond. Bei genauerem Hinsehen aber entdeckt man auch hier viele genügsame Pflanzen, die sich an diese Umwelt angepasst haben.

Um einige Höhenmeter zu sparen, nutzen wir den Sessellift von der Auenhütte aus. Dieser ist nur bei trockenem Wetter in Betrieb. Das macht Sinn. Sollte nämlich die Sicht schlecht werden, hätte man auf dem Gottesackerplateau große Probleme, die Wegmarkierungen zu finden. Zu groß ist die Gefahr sich dann zu verirren und vor allem in eins der zahlreichen Dolinenlöcher zu stürzen.

Angekommen an der Ifenhütte steigen wir anfangs asphaltierte Kehren hoch, mit uns zahlreiche andere Wanderer im Schlepptau. Bald geht es auf einem angenehmer zu laufenden Pfad immer weiter Richtung Ifenmulde. Dort zweigt auch der Weg zum Ifen ab, den die meisten wählen. Es wird merklich ruhiger. Ein Glück, dass die obere Station der Ifenbahn, der Bergadler, nur im Winter angefahren wird.

Vor uns liegt nun das Gottesackerplateau, eine der größten Karstflächen der Alpen.

IMG_2240

Hautnah ist hier die Erdgeschichte spürbar. Das Plateau besteht aus einer 50 – 100 Metern dicken Schrattenkalkschicht. Dieser helle Kalkstein entstand in der Kreidezeit vor ca 125 Millionen Jahren. Der ehemalige Meeresboden mit seinen Überresten von Meerestieren, Geröll, Kies und Schlamm verwitterte langsam zu einer riesigen Hochfläche mit ihren zahlreichen Spalten und Dolinen (trichter- oder kesselförmige Hohlformen mit unterirdischem Wasserabfluss). Mit Glück findet man hier versteinerte Muscheln, Schwämme, Korallen und Schnecken.

Das Wasser läuft unter der Erde ab und fließt in Quellen, die weiter zum Rhein und Bodensee führen. Neben dem bizarren Labyrinth an Löchern und interessanten Steinformationen entstanden so im Karst viele Höhlen wie z.B. das Höllach, Deutschland zweitlängste Höhle.

Dem Wanderkind macht es großen Spaß, als erstes die Wegmarkierungen zu finden und uns so auf dem richtigen Pfad bleiben zu lassen. Eine verantwortungsvolle Aufgabe! Metallklammern helfen an einer Stelle, um auf einen niedrigen Bergrücken zu gelangen. Weiter geht´s im leichten Auf und Ab vorbei an den tausenden, teilweise noch mit Altschnee gefüllten Spalten.

IMG_2255

Auf 1835 Metern treffen wir nun auf die verfallene Gottesackeralpe, von der nur noch Restmauern zu sehen sind. Jetzt steht erstmal eine ausgiebige Pause an, bevor es weiter ins Tal geht. Gut, dass wir genügend zu Trinken und Essen dabei haben!

Wie in vielen Bergregionen gibt es auch im Kleinwalsertal viele Sagen. So gibt es auch eine, die erzählt, wie das Gottesackerplateau entstanden ist: Früher war dieses Gebiet eine blühende Alpe, die von einem hartherzigen Senner bewirtschaftet wurde. Eines Tages kam ein Bettler vorbei, der um eine milde Gabe bat. Er bekam von dem Senner einen Krug mit Essen, aber schnell merkte der arme Mann, dass nur die obere Schicht aus Schmalz bestand. Darunter verbarg sich Kuhdung. Darum verfluchte er die Alpe mitsamt des Besitzers. Ein furchtbares Gewitter kam auf, vor dem alle bis auf den Senner fortliefen.

Am nächsten Tag hatte sich die grüne Alpwiese in eine karge Steinwüste verwandelt. Neben der Hütte des Senners stand plötzlich ein Felsbrocken, dessen Gestalt dem Senner erstaunlich ähnlich sah…

Hier an dieser Stelle kann man sich entscheiden, ob man ins Wäldele absteigt – oder noch Zeit und Kraft genug hat und weiter über die Torkopfscharte und Windecksattel ins Mahdtal läuft, was sicherlich noch mal 2 Stunden länger dauert.

Für uns reichte es, zumal der Weg durch das eigenartige Kürental noch lang genug ist. Selbst wenn man irgendwann Waldgebiet erreicht, trifft man auch dort noch auf (kleinere) Spalten. Durch Steine und viele Wurzeln verlangt jeder Schritt volle Konzentration.

Vorher kommen wir noch an einer Jagdhütte auf der Schneiderkürenalpe vorbei. Dort wurde unter einem überhängenden Felsen vor wenigen Jahren erst ein Lagerplatz steinzeitlicher Jäger und Hirten entdeckt. Die gefundenen Steinzeitwerkzeuge sind in der Bergschau im Walserhaus in Hirschegg ausgestellt.

In dem Ortsteil Wäldele angekommen sind die letzten Busse der Nebenlinie schon abgefahren. Das ist nicht das erste Mal, dass uns das im Kleinwalsertal passiert. Die Hauptstrecke ist, was die Fahrtzeiten angeht, wirklich super ausgebaut. Bei den Nebenstrecken muss man aber aufpassen. Aber es ist ja nur ein KLEINwalsertal, und daher schaffen wir den restlichen Weg zur Ferienwohnung, unterstützt durch ein Eis auf die Hand vom Gasthof Hammerer, auch noch.

 Fakten und Fazit

  • Gehzeit: 5,5 h
  • Höhenunterschied +485m / – 700m
  • Buslinie Nr.1 von Oberstdorf, in Riezlern in die Nr. 5 umsteigen zur Auenhütte
  • Die Sesselbahn von der Auenhütte zur Mittelstation fährt nur bei trockenem Wetter, 2016 ist sie vom 25.6. – 3.10. geöffnet
  • Keine Einkehrmöglichkeit außer am Start-und Endpunkt

 

  • Für trittsichere, ausdauernde und vorsichtige Kinder geeignet. Es gibt einiges zu bestaunen und zu entdecken. Selbst Geologiemuffel werden hier ihren Spaß an der Erdgeschichte haben.
  • Bei aller Begeisterung darf man aber nie die Konzentration auf den Weg verlieren!
  • Aufs Wetter achten, genügend Sonnenschutz und Wasser mitnehmen! Es gibt weder Schatten noch Unterstellmöglichkeiten.
  • Einen Hund würde ich dort nicht mitnehmen. Viel zu viele Spalten und keine Wasserstellen!

IMG_2256

 

 

 

 

 

Advertisements

5 Gedanken zu „Über den Gottesacker – eine sagenhafte Wanderung

  1. Wow, ich bin gerade total perplex. Es ist wie, als würde ich einige meiner Kinderbilder ansehen. Deine Tochter erinnert mich einfach total an mich selbst.
    Früher haben meine Eltern, mein Bruder und ich ausschließlich Urlaub in den Bergen, genauer in den Schweizer Alpen gemacht. Jedes Jahr. Ich habe es geliebt. Und es gibt auch tausende Bilder von mir in meinen kleinen Wanderschuhen, mit einem Wanderstock (aber so ein altmodischer aus Holz) und mit meiner „coolen“ Cap, wie ich durch die Berge wandere. Auf den Bildern sieht man mich auch meist nur von hinten, weil ich immer vorne weg geflitzt bin. Hach, da werden Erinnerungen wach.
    Ich finde es super, dass ihr so schöne Urlaube und Wanderungen mit euren Kindern unternehmt. An mir merke ich, dass das die Momente im Leben sind, an die man sich mit einem Lächeln auf den Lippen zurück erinnert und in die man auch vermutlich gerne zurück reisen würde.

    Liebe Grüße

    Lena

    Gefällt mir

  2. Schöne Blumen-Close-Ups! Ja, der Gottesacker ist und bleibt einfach fantastisch und außergewöhnlich. Und wie du sagst: recht anstrengend durch dieses sich-ewig-konzentrieren müssen. Aber gleich noch mal für’s nächste Jahr auf die Wiederholungs-Wunschliste gerutscht.

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Nadine!
      Dankeschööön! Diese Wanderung ist leider schon ewig her. In den letzten Jahren hatten wir wegen unseres Chaoshundes versucht, in etwas ruhigeren Gegenden, als es das Kleinwalsertal teilweise ist, Wanderurlaub zu machen. Aber Lust auf das Gottesackerplateau hätte ich auch wieder!
      Liebe Grüße
      Carolin

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s